Brief an die Gemeinde

Der christliche Gandhi

In den „nicht-europäischen Ländern“ spricht man häufig über ein postchristliches Europa. Das meint, dass das Christentum in Europa seinem Ende entgegen geht. Ihr Begriff von Europa ist meistens von atheistischen, oft übertrieben säkularisierten europäischen Medien beeinflusst. Also schließen sie daraus: In der europäischen Verfassung gibt es das Wort „Gott“ nicht mehr. Es gibt nur weniger als 8 % Kirchenbesucher. Die Kirchen werden leerer. Kirchen werden verkauft. Das Zeichen der Christen schlechthin, „das Kruzifix“, wird in vielen Schulen, Krankenhäusern und aus vielen öffentlichen Räumen entfernt. Es gibt ein zunehmendes Interesse an nichtchristlichen exotischen, ätherischen und religiösen Praktiken. Kein Wunder, dass die nichtchristlichen Religionen ihre große Chance sehen, Europa zu missionieren. Steht das Christentum in Europa an der Schwelle seines Abgangs?

Mahatma Gandhi und die Christen

In Indien hatte Mahatma Gandhi zunächst eine Abneigung gegen die Christen. Die christlichen Missionare standen um die Ecke und schimpften gegen die Hindus und machten ihre Götter lächerlich. Wenn ein Hindu zum Christ wurde, dann wurde gesagt, dass er Rindfleisch essen, Alkohol trinken, sich westlich verkleiden muss. Er muss sogar einen Hut tragen. Das allerschlimmste war, dass er gegen die Religion seiner Vorfahren predigen muss, gegen sein Land kämpfen und Brauchtum und Tradition zurückweisen muss. In London begann Gandhi durch den Einfluss eines vegetarischen Christen, die Bibel zu lesen. Die Bergpredigt ging direkt in sein Herz. Die Lehre von Gita und von Christus empfand Gandhi als identisch.

Aber seine schrecklichen Erfahrungen in einer Kirche in Südafrika, wo die Apartheid keinen gerechten Zugang zuließ, und die allgemeine christliche Praxis hat ihn gezwungen zu sagen: „Ich mag euren Christus. Ich mag nur eure Christen nicht. Eure Christen sind ganz anders als euer Christus. Ohne Zweifel wäre ich ein Christ, wenn die Christen es vierundzwanzig Stunden täglich wären.“ Martin Luther King hat Gandhi treffend beschrieben: „Es ist ironisch, trotzdem unausweichlich wahr, dass der größte Christ der modernen Welt das Christentum nie annahm.“ Im Sinne von Karl Rahner müsste Gandhi meiner Ansicht nach als „anonymer Christ“ genannt werden - mit einem dreifachen Bezug zu Gott, zu Jesus Christus, und zur Kirche (Gemeinde). Also ein christlicher Gandhi!

Christliche Gandhis und Gandhische Christen

Die europäische Kultur hat ihr Fundament auf christlichen Werten wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit aufgebaut. Auch wenn jemand nicht getauft ist, aus der Kirche ausgetreten ist oder nur ein Kirchensteuerzahler ist, so ist er wie Gandhi ein „anonymer Christ“. Solange es Christen gibt, ob anonym oder nicht, wird die europäische Kultur bzw. das Christentum nicht untergehen. Es wird christliche Gandhis geben, genauso „Gandhische Christen“. Christen erkennt man an dem, was sie glauben und wie sie leben.

 

Ihr Pfarrer P. Dr. Sabukuttan Francis MSFS